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TAG X- der Tag an dem sich mein Leben von Grund auf veränderte

Alles wie immer

Eigentlich war alles wie immer. Ich stand auf, machte meinen Sohn für den Kindergarten fertig, verabschiedete ihn mit einem Kuss und versicherte ihm, dass Mama bald wieder da sein würde. Dann brachte ihn seine Oma in den Kindergarten. Wie immer trank ich noch meinen Kaffee in Ruhe, duschte, schminkte mich, warf die letzten Sachen in meinen Koffer und zog meine Uniform an. Ich checkte, ob ich auch alle wichtigen Unterlagen in meiner Handtasche hatte und schwang mich in mein Auto Richtung München. Fünf Tage Kurzstrecke. Eine mehr oder weniger entspannte Tour mit vier Layovern (Übernachtungen) auf die ich mich richtig freute. Im Flight Operation Center angekommen, bereitete ich die Unterlagen für die kommenden fünf Tage vor, quatschte noch mit der ein oder anderen Kollegin und ging entspannt ins Briefing. Meine Crew war nett und so verliefen die ersten zwei Flüge, nach Oslo und zurück, relativ reibungslos. Für den letzten Flug des Tages nach Budapest mussten wir das Flugzeug wechseln, von einem Airbus 320 auf einen 319. Alles wie immer, bis dahin. Die Leute stiegen ein, ich bekam den Abschluss und schlossen die Tür. „Cabin Attendants- all doors in flight“! Wir machten die Sicherheitsvorführung während das Flugzeug die Parkposition verließ, checkten die Kabine und setzten uns zum Abflug auf unsere Positionen. Alles wie immer!

„Cabin Attendants- prepare for take-off“ kam die Ansage aus dem Cockpit und dann hoben wir ab. Ab dem Zeitpunkt war nichts mehr wie immer.

Der Vorfall- Nichts ist wie immer

„Riechst Du das?“ Ich schaute die Kollegin während des Starts fragend an. Ich wollte mich rückversichern und ganz sicher sein, dass es wirklich einen ungewöhnlichen Geruch gab. Ich kannte diesen Geruch, ich wusste genau welcher Rattenschwanz auf mich zukommen würde, ich hatte ja schon vier Mal „etwas gerochen“. „Jetzt wo Du es sagst, rieche ich es auch, aber nur ganz leicht…“ antwortete sie dann schließlich.

Es lief ab wie bei so vielen Fume Events. Die Kabinencrew versucht den Geruch zu lokalisieren, verifiziert ihn, meldet die Wahrnehmungen dann der Cockpitbesatzung. Genau wie schon 1001-mal in diversen Emergency Trainings geübt. Der Unterschied bei dieser Art Vorfälle ist, dass die Piloten häufig skeptisch bleiben, auch in meinem Fall, denn sie konnten selbst nichts riechen, obwohl der „Käsefußgeruch“ im Cockpit sogar noch etwas stärker war als in der Kabine. Der Geruch trat nicht permanent und auch nicht stark auf, aber immer wieder schwallweise. Somit schied die Theorie, jemand hätte seine Schuhe ausgezogen aus. Beide Piloten waren der Meinung, dass da nichts war, weil ja schließlich alle Instrumente ganz normal funktionierten.

Ziemlich schnell fing ich dann auch an Symptome zu bemerken. Sehr klassisch begann es mit Kopfschmerzen, weiter kamen ein tauber Mund dazu, gereizte Schleimhäute, ein bisschen später trat Husten auf, ich bekam Rückenschmerzen, ich war sprichwörtlich „nervös“ im Sinne von überreizten Nerven- mein „Fass“ lief über. Die Piloten fragten mich als Kabinenchefin, was denn mein Vorschlag wäre. Ich antwortete, dass ich es am Besten fände, wenn wir nach München zurückkehren würden, weil dort Crew und Flugzeug adäquate Versorgung erfahren könnten. Mein Vorschlag wurde abgelehnt, weil es länger dauern würde als nach Budapest zu fliegen. Ich meldete noch in der Luft an, dass ich in Budapest medizinische Versorgung verlangte und somit aus der Tour aussteigen würde. Meine Entscheidung wurde vom Kapitän respektiert.

Nach dem Fume Event- das Procedure

Gegen 23:00 Uhr landeten wir in Budapest. Ich verabschiedete die Passagiere wie immer, ohne Ihnen sagen zu dürfen, dass wir auf diesem Flug wahrscheinlich einen Vorfall mit giftiger Kabinenluft hatten und ich mich umgehend in ärztliche Obhut begeben würde. Der Kapitän nahm keinen Eintrag in das Technische Logbuch vor und verständigte auch nicht die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BfU), wie es eigentlich gesetzlich vorgesehen ist, wenn ein Crewmitglied an Bord erkrankt. Das Flugzeug blieb also ohne Wartung und Untersuchung im Umlauf, denn die Meinung der Piloten war eine andere als meine.

Am Kofferband diskutierten wir, ob jemand mit ins Krankenhaus kommen würde, um sich mit mir untersuchen zu lassen. Beide Kabinenkollegen waren verunsichert, insbesondere der Kollege, der noch in der Probezeit war. Ich kann die Verunsicherung nachvollziehen, schließlich sagte der Kapitän, die Authoritätsperson an Bord, dass kein Vorfall mit kontaminierter Kabinenluft stattgefunden hätte, obwohl die Kabinencrew den typischen Geruch wahrgenommen hatte und ich als Purserette symptomatisch war und mich zur Versorgung ins Krankenhaus begeben wollte. Schlussendlich ging ich alleine zum Arzt. Auch der Stationsmitarbeiter, der den Transport für mich ins Krankenhaus organisierte war sichtlich verunsichert, dass das Flugzeug laut Kapitän in Ordnung sein sollte, die Chefstewardess aber ins Krankenhaus wollte, weil es ihr nicht gut ging.

Auf dem Weg ins Krankenhaus machte ich ein Posting in einer geheimen Facebook Gruppe, die sich zum Thema Fume Events austauschte, und bat um Hilfe. Mein „Schutzengel“ Michael meldete sich umgehend und sendete mir den Fume Event Guide der Gewerkschaft Verdi zu. Ich war also gerüstet und wusste genau, welche Mengen an Blut ich abnehmen lassen musste und worauf zu achten war. Die Ärztin in der toxikologischen Abteilung bestätigte, dass sie Crew nach Kabinenluftzwischenfall in solch einem erregten Zustand schon beobachtet habe und nahm mir dann schließlich (auch nach längerer Diskussion) die geforderten 2x 30ml EDTA Blut ab. Ich war zu dem Zeitpunkt wirklich sehr aufgeregt und wusste nicht wohin mit den ganzen Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Eine große Unterstützung war mir ein Stationsmitarbeiter, der mir seine private Handynummer für Rückfragen gab und für mich per Telefon auf Ungarisch mit der Ärztin sprach, damit es keine Missverständnisse gab. Zusätzlich half die Guideline der Gewerkschaft, auf der alle wichtigen Punkte aufgeführt waren, die nach einem Arbeitsunfall mit giftigen Dämpfen oder Gasen medizinisch erforderlich sind. Obwohl ich schon vier Fume Events vor diesem hatte, hatte ich eine Art Tunnelblick. Ich wollte alles richtig machen, denn ich wollte diesmal dem Procedure richtig folgen, um sicherzustellen, dass mir wirklich nichts fehlte und auch keine Spätfolgen zu befürchten waren, wie einige Ärzte bei den Untersuchungen nach den vorherigen Kabinenluftzwischenfällen behauptet hatten.

Drei Stunden nach der Landung in Budapest verließ ich das Krankenhaus mit den eisgekühlten Blutröhrchen und einer Guideline im Gepäck, die auch die 24h Hotline in der „Fume Event Ambulanz“ in Göttingen enthielt. Im Hotel angekommen rief ich die angegebene Nummer an, welche von Frau Dr. Heutelbeck beantwortet wurde.  Ich konnte dank ihrer Hinweise auch Urin sichern und die Kühlkette für die Proben aufrechterhalten. Ich hatte zum Glück Behältnisse im Flightkit (Crewhandgepäck) in denen ich den Urin sammeln konnte. Dank der direkten Verbindung zu einer Ärztin mit unfallspezifischer Expertise konnte ich alle Schritte richtig abarbeiten. Diesen Vorteil hat heute leider niemand mehr, da zuerst die Hotline offline genommen wurde und schließlich die Ambulanz im letzten Jahr schließen musste.

In dieser Nacht habe ich nur zwei Stunden geschlafen und bin dann dead-head (als Passagier) nach München geflogen. Von dort fuhr ich direkt nach Hause, verstaute die auf Eis gekühlten Proben für das Biomonitoring (Blut und Urin) im Gefrierschrank und fuhr dann direkt zur Durchgangsärztin. Ich funktionierte wie ein Duracell Häschen und fühlte mich gleichzeitig als ob mich ein Güterzug überfahren hätte. Ich hatte keine Ahnung, dass dies auch alles Symptome sein würden, die mich teilweise bis heute noch begleiten. Ich war immer noch von einer Stressreaktion überzeugt und hoffte, dass es mir, wie bei den vorherigen Fume Events, nach ausreichend Schlaf und etwas Erholung, spätestens nach einer Woche, wieder besser gehen würde.

Die Durchgangsärztin betreute schon andere betroffene Crewmitglieder und kannte zum Glück die Symptomatik ein wenig. Als ich mich bei ihr vorstellte, notierte sie Symptome wie Schmerzen entlang der Wirbelsäule, Hautrötungen, Kopfschmerzen und Übelkeit, langsame Sprache, Wortfindungsstörungen usw. Insbesondere das kognitive fiel mir selber gar nicht so auf. Auch mein Mann hat mir später erzählt, ich wäre ihm wie „out of space“ vorgekommen, was ich wiederum überhaupt nicht merkte. Nach der durchgangsärztlichen Aufnahme verließ ich die Praxis mit einer Arbeitsunfähigkeitsmeldung für eine Woche und einer Überweisung an die Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin zur besonderen Heilbehandlung.

Das Reporting

Daheim angekommen setzte ich mich hin und schrieb die Unfallmeldung an die Berufsgenossenschaft, machte die Meldung bei der BfU, schrieb die betriebsinternen Reports und schrieb meiner Teamleiterin und dem Kabinenleiter in München eine E-Mail. Die darin gestellten Fragen blieben übrigens bis heute überwiegend unbeantwortet. Ich funktionierte immer noch und fühlte mich wie aufgeputscht. Ich merkte aber nicht, wenn mein Mann oder mein Sohn mit mir sprachen, hatte kaum ein Zeitgefühl und war wie in einer eigenen Welt. Ich telefonierte bis zum Termin in Göttingen zwei Tage später viel mit Betroffenen und versuchte zu verstehen was mit meinem Körper passiert. Ich kam mir vor wie in einer Blase, wie in Watte gepackt, hatte Herzrasen, eine Art starken Muskelkater und litt unter Schlaflosigkeit gepaart mit bleierner Müdigkeit. Trotzdem war ich der Meinung, dass man das alles wieder hinbekomme könnte, zur Not auch alternativmedizinisch. Ich war sicher, dass das alles gar nicht so schlimm sein konnte.

Ich hatte ja gar keine Ahnung, was für eine Odyssee tatsächlich auf mich zukommen würde und in welch dreckigem Skandal ich gelandet bin. Aber dazu werde ich in einem neuen Blog Post mehr schreiben. Ich möchte hier an dieser Stelle nochmals an alle Crews und Passagiere appellieren, ungewöhnliche Gerüche im Flugzeug, insbesondere die, die nach „Käsefuß“, „nassem Hund“, nach Treibstoff oder in irgendeiner Form chemisch riechen, ernst zu nehmen und unbedingt einen Arzt aufzusuchen, auch wenn man das Gefühl hat nicht symptomatisch zu sein. In vier Fällen wurde mir versichert, dass ich Spätfolgen nicht zu befürchten hätte und nun sitze ich heute mit anhaltender Symptomatik da und wurde schlussendlich berufsunfähig.

Wenn ihr Hilfe braucht, könnt ihr beim gemeinnützigen Verein „Patienteninitiative Contaminated Cabin Air“, kurz P-CoC e.V. erhalten oder Euch über mein Kontaktformular auch an mich wenden.

 

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