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Ein Fume Event Ansatz- Part I: Mentale Vorbereitung und Verhalten an Bord während eines Fume Events

Ich glaube, dass das Einzige was mir in dem Moment meines fünften und letzten Fume Events wirklich geholfen hat war mentale Vorbereitung. In der Fliegerei sind wir mit Mentaltraining vertraut, wir wiederholen immer wieder Abläufe, machen uns mit Situationen theoretisch vertraut. Ich denke bei der Kabine an den „30 second review“, den jede/r Flugbegleiter*in bei jedem Start und bei jeder Landung durchführt. Wir bereiten uns mental auf Abläufe für den Notfall vor und erkennen die Tatsache an, dass ein Absturz möglich ist und wir eine feste Rolle zu erfüllen haben. Warum also nicht auch bei Fume Events?

Ich habe mit jedem Fume Event dazu gelernt, ich hatte ja schließlich fünf Vorfälle, das langt um die Abläufe ausgiebig zu kennen. Ich hatte viele Infos aus Social Media Foren, aus meiner eigenen Internetrecherche und aus Gesprächen mit bereits betroffenen Crewmitgliedern. Mir war klar welche Gerüche auftreten können, denn ich hatte sie ja bereits 4x gerochen. Mir war auch klar, dass die Gerüche nicht unbedingt gleich riechen müssen. Symptomatik spielte für mich zunächst eine untergeordnete Rolle, denn ich wußte ich muss jetzt für eine Zeit funktionieren und bestimmte Regeln befolgen. Trotzdem war Symptomatik da, aber ich habe funktioniert- ich habe meine Procedure abgearbeitet. Die Entscheidung im Ernstfall zu handeln und wirklich alle Konsequenzen zu ziehen habe ich schon vorher getroffen. Ich habe die Fakten und Erlebnisse abgewogen und wollte Sicherheit erlangen, schließlich wollte ich wissen, ob diese Fume Events wirklich für meinen Körper so harmlos sind oder ob ich für den Rest meines Lebens mit Schädigungen verbringen müsste. Ich wollte es wissen!

Durch meine einschlägigen Erfahrungen und durch die Betreuung von zahlreichen Crewmitgliedern nach Kabinenluftzwischenfällen, habe ich den Prozess sehr gut kennengelernt. Ich kenne die Prozessschritte und konnte deshalb die folgende Vorgehensweise entwickeln. Noch ein Hinweise vorab:

Man sollte sich immer wieder „hoch holen“, dass wir als Cabincrew „den Laden“ kennen und wissen, wenn etwas komisch riecht. Uns wird einfach zu häufig rückgemeldet, es wäre „normal“, das ist meine Meinung.

Wie sollten Kabinencrewmitglieder meiner Meinung nach bei einem Fume Event also vorgehen und wie kann man sich mental darauf vorbereiten?

Hier ist mein Training für Euch:

  1. NICHT verunsichern lassen. Du hast etwas gerochen. Der Geruch ist Dir, z.B. aus dem Emergency Training, bekannt und gibt Hinweise auf die Anwesenheit gesundheitsschädlicher Stoffe. Sollten Vorgesetzte das Gegenteil behaupten, ist das ihr gutes Recht. Diskutiere nicht. Erkläre, dass Du nach der Landung medizinische Versorgung wünschst, auch wenn Du nicht symptomatisch bist. Viele Symptome sind subtil und man erkennt sie nicht sofort. Dies ist Deine persönliche, gut begründete Entscheidung und Vorgesetzte sollten dies im Rahmen der Fürsorgepflicht aktiv unterstützen. Selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass keine meßbaren Schädigungen vorhanden sind, so hast Du Deinen persönlichen Zustand nach Fume Event festgehalten. Dies ist für eventuelle Ansprüche später essentiell wichtig.
  2. Falls Du noch kognitiv und körperlich dazu in der Lage bist, halte alles für Dich schriftlich fest. Fülle sofort das entsprechende Formular (Smoke and Smell Report) aus und halte die Uhrzeit (Beginn bis Ende) und die Intensität (oil smell, hydraulic smell, chemical smell; schwach, stark, intermittierend oder nicht) fest. Halte auch fest wieviele Menschen an Bord waren und ob Du, Kolleg*innen oder Passagiere Symptome zeigten. Wenn Du noch die Kraft hast, halte den Verlauf Deines Zustandes fest. Ein Liste möglicher Symptome findest Du hier.
  3. Reporting ist wirklich wichtig und die Möglichkeit Fume Events aufzuklären! Fülle nach Möglichkeit alle Forms gewissenhaft aus. Falls es Dir schlecht geht, bitte Kolleg*innen dich zu unterstützen. Manche Forms kannst Du auch erst zu Hause ausfüllen. Informiere Dich schon vorher, z.B. bei deiner Dienststelle, welche Reports nach Fume Event ausgefüllt werden müssen.
  4. Nach der Landung/Deboarding:
  • In jedem Fall auf TLB Eintrag bestehen! Auch hier nicht diskutieren, bei Weigerung des CPT freundlich nach der Begründung fragen.
  • Ebenfalls aktiv die Meldung bei der BFU (Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung) einfordern, wenn nicht auf Basis EU 996/2010 Artikel 9 selbstständig melden. Die zeitnahe Meldung des Vorfalls ist wichtig, damit, zusammen mit den Behörden, die Ursachen geklärt und Arbeitsschutzmaßnahmen ergriffen werden können.

„Artikel 9 Pflicht zur Meldung von Unfällen und schweren Störungen

(1) Jede beteiligte Person, die Kenntnis vom Eintreten eines Unfalls oder einer schweren Störung hat, hat der zuständigen Sicherheitsuntersuchungsstelle des Ereignisstaats unverzüglich darüber Meldung zu erstatten.“

Was ein Unfall und was ein Vorfall ist, wird ebenfalls in EU 996/2010 definiert und ist dort nachzulesen. (Exkurs: Hier möchte ich noch darauf hinweisen, dass man zu dem Zeitpunkt noch nicht abwägen kann, ob es verletzte Crew gibt, denn das Ausmaß eventueller Schädigungen kann nur ein/e Mediziner*in mit unfallspezifischer Fachexpertise beurteilen.)

  • Wenn Du stark symptomatisch bist: Fordere sofort medizinische Hilfe ein!
  • Wenn Du (vermeintlich) nicht symptomatisch bist, versuche dem Techniker so genau wie möglich das Fume Event zu beschreiben und lasse Dir genau erklären, welche Maßnahmen eingeleitet werden. Notiere Dir den Namen des Technikers. Mögliche Stichwörter wären oil smell oder chemical smell.
  • Begebe Dich nun auf direktem Weg zu einem Durchgangsarzt Deiner Wahl. Informiere Dich schon vorher über D-Ärzte in der Nähe Deiner Homebase. Für den Rest Deutschlands gibt es eine D-Arzt Suchfunktion auf der Seite der DGUV.

Du musst NICHT zu einem der Krankenhäuser, die am Biomonitoring der BG Verkehr teilnehmen, die Wahl des Arztes obliegt Dir. Das Standardverfahren nach Fume Event der BG Verkehr hat nichts mit der Studie zu tun, welche auf freiwilliger Basis ist und zusätzlich zum Standardverfahren läuft, also ein separater „Handlungsstrang“ ist. Dies wurde mir so von Dr. Caumanns von der BG Verkehr, Abteilung Prävention bestätigt. Das Standardverfahren findest Du hier. Du siehst, ein möglicher Weg wäre auch nach dem Fume Event zum Betriebsarzt (Medizinischer Dienst) zu gehen, dort Blut abnehmen zu lassen und den Zustand nach Fume Event zu dokumentieren. Was Du mit der Blutprobe machst, entscheidest Du. Danach gehst Du zu einem Durchgangsarzt und holst Dir die notwendigen Überweisungen zu unfallspezifischer Fachexpertise und eine „Krankmeldung“. Du kannst alle erforderliche Untersuchungen nach Fume Event einfordern, auch Biomonitoring [AMR 6.2]. Ausführliche Handlungsempfehlungen zum Verfahren nach Fume Event kannst Du in „Ein Fume Event Ansatz- Part II“ nachlesen, den ich demnächst veröffentlichen werde.

Wenn also Tag X kommt, dann ist hier meine Handlungsempfehlung, mein “Procedure” für Cabincrews, zum ausdrucken und am Besten zusammen mit einer faltbaren Maske in der Hosen-/Rocktasche verwahren:

Fume Event Procedure

Ich hoffe ich konnte Dir mit dieser Empfehlung etwas Praktisches an die Hand geben, womit Du Dich im Falle eines Falles sicher fühlst und weißt was zu tun ist. Solltest Du noch Fragen haben, kannst Du mir gerne auf info@kabinenlobby.de schreiben.

Das zweite, medizinische Verfahren nach dem Fume Event findest Du auch demnächst im Blog.

Ich weise nochmals ausdrücklich darauf hin, dass das eine Handlungsempfehlung ist und in keiner Weise verbindlichen Charakter gegenüber dem Arbeitgeber hat.
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