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Flugbegleiter*in- Traumberuf oder Albtraum?

Wenn die Diskussion um soziale Berufe entfacht, werden in diesem Kontext immer Pflegeberufe und Erzieher*innen genannt. Ein Berufsbild, dass in diesem Kontext noch nicht erwähnt wird, aber aufgrund vieler unerwarteter Parallelen zu den sozialen Berufen diskutiert werden sollte, ist die Flugbegleiter*in.

Wir alle haben dieses eine Bild einer Flugbegleiterin im Kopf, zu dem nicht zuletzt eine große, deutsche Traditionsairline beigetragen hat: eine Stewardess- der ultimative Frauenberuf. Perfekt geschminkt und frisiert, rhetorisch versiert, beste Umgangsarten, Servicekenntnisse aus der Topgastronomie, so stellt man Sie sich vor, wenn man an Bord einer deutschen Fluggesellschaft kommt. Und diese Erwartungshaltung wird von den deutschen Flugbegleiterinnen auch so hervorragend erfüllt, dass z.B. Lufthansa erst kürzlich als 5 Sterne Airline ausgezeichnet wurde.

Die Kehrseite des Traumberufs

Doch trotz der vielen positiven Seiten, die dieser Beruf mit sich bringt, gibt es eine Kehrseite, die die breite Öffentlichkeit nicht kennt. Auch wenn man als Flugbegleiterin ein Jetset-Leben führen und in den Tophotels der Metropolen dieser Welt absteigen darf, dann fragt man sich doch, zu welchem Preis? Und, ist es denn dann immer noch so glamourös?

Ständiger Zeitzonenwechsel, Schichten von bis zu 20 Stunden am Tag, schweres Arbeitsgerät, dass im Steigflug manövriert werden muss, keinerlei Schutzmaßnahmen, z.B. bei plötzlichen Turbulenzen. Aber auch fehlende Sicherheitskleidung trotzt vorhandener Gefahren, extremer psychischer Druck, weil man, z.B., immer lächeln und sich entgegen seiner Gefühlslage verhalten muss, während man gleichzeitig für Fehler anderer verantwortlich gemacht wird. Keine Fluchtmöglichkeit, keine Pausenräume, keine geregelten Pausenzeiten, keine Planungssicherheit im Privatleben, weil sich das ganze Leben nach dem Dienstplan richtet und man somit nur schwer Beziehungen und soziale Kontakte aufrechterhalten kann, um nur einige Probleme zu nennen.

Der Preis des Konkurrenzdrucks in der Branche

Der Druck in der Branche ist groß. Die zunehmende Konkurrenz durch Billigairlines macht es den Traditionsairlines nicht einfach, so wie das jüngste Beispiel, nämlich die Insolvenz der Air Berlin, zeigte. Aber auch der Konkurrenzkampf gegen die Golf-Carrier (Emirates, Etihad etc.), zwingen deutsche Airlines immer neue Sparprogramme zu Lasten der Arbeitnehmer*innen zu initiieren. Eine Entlastung seitens der Regierung wäre zu befürworten, insbesondere bei solch solventer Konkurrenz. Stattdessen wurden die Gebühren und Steuern für die Luftfahrt erhöht. Um dies bei den Ticketpreisen zu kompensieren, muss natürlich ein Weg gefunden werden, Kosten einzusparen. Am besten geht das bei den Mitarbeiter*innen. Die Folgen sind ein massives Gehaltsgefälle am gleichen Arbeitsplatz, Verschlechterung der Tarifverträge, Kürzung der Altersvorsorge, Personalengpässe, Flugbegleiter*innen Castings (auch in Osteuropa) Auslagerung von Tochterfirmen nach Österreich (Stichwort: Tarifflucht), und, wie zuletzt bei Air Berlin, auch Arbeitslosigkeit ohne Perspektive- denn Flugbegleiter*in ist nachwievor kein anerkannter Beruf.

Das stinkende Geheimnis der Airline-Industrie

Was bisher von allen Seiten völlig vernachlässigt wurde ist, dass Flugbegleiter*innen einem massiven, gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sind. Die Arbeitsumgebung birgt ein sehr potentes Risiko dauerhaft erwerbsgemindert zu werden. Es geht um kontaminierte Kabinenluft. Immer mehr Flugbegleiterinnen erkranken nach unfallartigen Vorfällen mit kontaminierter Kabinenluft, sogenannten Fume Events, dauerhaft. Die Schädigungen der Lunge, des Zentralen Nervensystems und die kognitiven Einschränkungen, die von einer deutschen Arbeitsmedizinerin nach diesen unfallartigen Ereignissen gemessen und durch Stoffnachweise in Blut und Urin (Biomonitoring) plausibilisiert werden konnten, werden regelmäßig von der Berufsgenossenschaft für Verkehr und Transport nicht anerkannt. Diese beruft sich, so wie das BMAS und das BMVI, auf die EASA Studie, die besagt, dass die Luft in Flugzeugen besser sei als in Kindergärten. Dies ist aufgrund zahlreicher, internationaler, wissenschaftlicher Erkenntnisse aber strittig, nicht zu Letzt, weil die im Blut gefundenen Stoffe nicht in der allgemeinen Umwelt zu finden sind. Die Nichtanerkennung der Schädigungen nach dieser speziellen Art von Arbeitsunfall, bedeuten für die Arbeitnehmer*innen das finanzielle und soziale Aus. Zusätzlich gibt es keine schulmedizinischen Therapieansätze, da die Forschung in diesem Gebiet aufgrund fehlender Finanzierung nur schleppend vorankommt. Aufgrund der fehlenden Heilbehandlung landen viele betroffene Crewmitglieder in der Erwerbsminderungsrente. Viele Frauen, insbesondere alleinerziehende Mütter, sehen sich aufgrund der Perspektivenlosigkeit auch dazu gezwungen wieder fliegen zu gehen und das gesundheitliche Risiko einzugehen, um ihr Leben finanzieren zu können. Schlussendlich wird diese Arbeitnehmer*innengruppe bei einer Erkrankung nach Fume Event vollkommen alleine gelassen, denn eine unabhängige, medizinische Versorgung gibt es nicht und die einzige deutsche Versorgungsstelle mit unfallspezifischen Fachkenntnissen in Göttingen wurde ressourcenbedingt geschlossen. Industrie sowie Behörden müssen sich Ihrer Verantwortung stellen und diese erkrankten Arbeitnehmer*innen adäquat versorgen.

Die Flugzeugkabine als Arbeitsplatz muss politisch beachtet werden

Die Flugzeugkabine als Arbeitsplatz, insbesondere für Frauen, sollte politisch unbedingt mehr in den Fokus genommen werden. Soziale Gerechtigkeit wird in dieser Branche immer mehr zum Fremdwort, und das bei einer außergewöhnlich hochmotivierten Arbeitnehmer*innengruppe. Dies bedarf Abhilfe, deshalb sollte die ganze Branche aus Arbeitnehmer*innensicht, insbesondere auch hinsichtlich Arbeitsbedingungen und Arbeitssicherheit, politisch aufgearbeitet werden. Standards zum Schutz der Mitarbeiter*innen müssen aufgestellt werden, sowie die Sicherstellung, dass diese hochqualifizierte Tätigkeit als anerkannter Beruf aufgenommen wird.

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